Wie kann das Wissen über soziale Vulnerabilität in Stadtquartieren dem Katastrophenschutz helfen? Welche Rolle können intelligente Häuser bei der Warnung der Bevölkerung in Krisen spielen? Mit diesen Fragen beschäftigen sich Forschende des LOEWE-Zentrums emergenCITY. Ihre Ergebnisse präsentierten sie vorige Woche auf dem BBK-Fachkongress in Bonn.

Vom 5. bis 7. Februar kamen 900 Expert:innen aus Wissenschaft, Forschung, Verwaltung und Praxis auf dem Fachkongress des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) „Forschung für den Bevölkerungsschutz“ zusammen, um sich über die Themen Bevölkerungs- und Zivilschutz auszutauschen. Nach 2023 fand er zum zweiten Mal im World Conference Center in Bonn statt. Auch die vier emergenCITY-Wissenschaftler:innen Nadja Thiessen, Joachim Schulze, Markus Henkel und Frank Hessel zeigten ihre Forschungsergebnisse.

Vier Wissenschaftler:innen stehen im World Conference Center in Bonn.
© emergenCITY

Frank Hessel, Nadja Thiessen, Joachim Schulze und Markus Henkel (von links nach rechts) präsentierten ihre Forschungsergebnisse auf dem BBK-Fachkongress.

Historische Studie zu Darmstadt: Rolle der sozialen Vulnerabilität in Katastrophen

Teile unserer Gesellschaft stehen bei der Bewältigung des Alltags vor zusätzlichen Herausforderungen, weil sie beispielsweise durch ihr Alter, gesundheitliche Beeinträchtigungen oder einen Mangel sozialer Kontakte eingeschränkt sind. In Krisen aber sind sie besonders verwundbar. Bei einer Flut, einem Stromausfall oder anderen Katastrophen sind sie auf Unterstützung und schnelle Hilfe durch Rettungskräfte angewiesen. Zu wissen, wo sich diese Menschen aufhalten, kann im Ernstfall lebenswichtig sein.

Aus dem Blickwinkel des „Capability Approach“, dem Befähigungsansatz, der Vulnerabilitäten von Menschen nicht nur erfasst, sondern im Hinblick auf ihre mögliche Überwindung betrachtet, haben sich die Historikerin Nadja Thiessen und der Architekt Joachim Schulze angeschaut, wie sich soziale Vulnerabilitäten in den 37 statistischen Bezirken der Stadt Darmstadt über einen Zeitraum von rund 60 Jahren entwickelt haben. Ihre Studie, an der auch Professor Jean-Christophe Dissart von de Université Grenoble Alpes beteiligt war, präsentierten sie erstmals auf dem Kongress.

Eines der Ergebnisse ihrer Untersuchung unter dem Titel „Soziale Vulnerabilität als Gradmesser für die Krisenfestigkeit der Bevölkerung“ ist eine Stadtkarte, die zeigt, in welchen Quartieren soziale Vulnerabilitäten von 1960 bis 2019 besonders ausgeprägt waren. Eingeflossen sind zahlreiche statistische Daten der Bezirke wie beispielsweise zu Alter, Familienstand, Haushaltszusammensetzung oder Einkommen.

World Conference Center in Bonn mit BBK Fahrzeugen.
© Nadja Thiessen

Der BBK-Fachkongress fand im World Conference Center in Bonn statt.

Soziale Vulnerabilität manifestiert sich

„Unsere Studie zeigt, dass soziale Vulnerabilitäten in manchen Stadtquartieren seit 60 Jahren Bestand haben“, sagt Nadja Thiessen, Wissenschaftlerin am Institut für Geschichte. „Die Ergebnisse liefern wichtige Erkenntnisse für den Katastrophenschutz“, ergänzt Joachim Schulze, Forscher am Fachgebiet Entwerfen und Stadtentwicklung der TU Darmstadt. „So könnten beispielsweise Einsatzkräfte im Katastrophenfall ihre Ressourcen anders verteilen und Quartieren mit hoher Vulnerabilität mehr Aufmerksamkeit schenken.“

An den Vortrag schloss sich eine rege Diskussion an. So wurde erörtert, inwiefern sich die Vulnerabilitätsanalyse auch auf andere Städte übertragen lässt, welchen Einfluss ein solidarisches Quartier sowie eine starke Nachbarschaft auf die Resilienz der Bewohner:innen hat. Zudem beantwortete die Historikerin Nadja Thiessen Fragen zur Studie in einem Deutschlandfunk Kultur-Interview, das unter www.deutschlandfunkkultur.de nachzuhören ist.

Smart Home eHUB an der TU Darmstadt.
© Jürgen Schreiter, Darmstadt

Im Smart Home „eHUB“ untersuchen die emergenCITY-Wissenschaftler, welchen Beitrag Smart Homes leisten können, um die Bevölkerung in Katastrophen zu warnen.

Smart Homes als Warn- und Notfallhilfe

Auch die emergenCITY-Wissenschaftler Markus Henkel und Frank Hessel gaben Einblicke in ihre Forschung zu Smart Homes unter dem Titel „Smart Homes als Ergänzung des Warnmittelmixes“. Die Darmstädter Forscher haben untersucht, welchen Beitrag diese intelligenten Häuser leisten können, um die Bevölkerung in Krisen und Katastrophen zu warnen sowie auf Gefahren zu reagieren. Konkret ging es ihnen um die Frage, in welchen Gefahrensituationen sich Menschen auf das Warnsystem ihres Smart Homes verlassen würden.

Dafür simulierten die Forschenden vier unterschiedliche Gefahrensituationen in einem energieautarken Smart Home, dem „eHUB“, das auf dem Campus Lichtwiese der TU Darmstadt steht. Das Ergebnis ihrer Studien zeigt, je größer die Gefahr, desto eher sind Menschen bereit, dem intelligenten Zuhause die Entscheidung über die richtige Reaktion, zum Beispiel das automatische Schließen der Fenster und Türen, zu überlassen.

„Während Einzelgeräte wie Rauchwarnmelder die Bewohner vor bestimmten Gefahren warnen, bietet die Integration in umfassende Smart-Home-Warnsysteme das Potential für mehr Sicherheit, da Bauteile auf der Grundlage von vordefinierten Protokollen auf Bedrohungen reagieren können“, erklärt Markus Henkel, Wissenschaftler am Fachgebiet Wissenschaft und Technik für Frieden und Sicherheit an der TU Darmstadt.

Interdisziplinäres Programm

„Mich hat das interdisziplinäre Programm beeindruckt, es waren sämtliche Fachrichtungen vertreten sowie ein Mix aus Wissenschaft und Praxis“, resümiert Nadja Thiessen nach der Konferenz. „Ich nehme vor allem Impulse aus den Vorträgen und von den Referent:innen mit für meine Forschung, deren Disziplinen nicht bei emergenCITY vertreten sind, darunter Soziale Arbeit und Soziologie.“ Und Markus Henkel ergänzt: „Für mich waren vor allem die Informationen in den Vorträgen zum Thema Warnungen spannend sowie die Erkenntnisse der BBK-Mitarbeitenden, die täglich an diesem Thema arbeiten.“